Neurodivergenz

Neurodivergenz verstehen: Warum Menschen unterschiedlich denken, fühlen, wahrnehmen und die Welt erleben.

Nicht alle Gehirne funktionieren auf dieselbe Weise. Manche Menschen nehmen Geräusche besonders intensiv wahr, andere verarbeiten Informationen auf ungewöhnliche Weise, benötigen mehr Zeit für Veränderungen oder haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Wieder andere verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten in bestimmten Interessengebieten oder erkennen Muster, die anderen Menschen kaum auffallen.

Diese Unterschiede gehören zur menschlichen Vielfalt.

Der Begriff Neurodivergenz beschreibt neurologische Funktions- und Verarbeitungsweisen, die von dem abweichen, was gesellschaftlich als typisch oder erwartbar gilt.

Dabei geht es nicht darum, Menschen in „normal“ und „unnormal“ einzuteilen. Vielmehr hilft der Begriff dabei, unterschiedliche Denk-, Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen anzuerkennen und besser zu verstehen.

Was bedeutet Neurodivergenz?

Das Wort setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen:

  • Neuro bezieht sich auf das Nervensystem und das Gehirn.

  • Divergenz bedeutet Abweichung oder Auseinandergehen.

Neurodivergent sind Menschen, deren neurologische Entwicklung oder Funktionsweise in relevanten Bereichen von gesellschaftlich üblichen Erwartungen abweicht.

Das kann beispielsweise die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kommunikation, Bewegungskoordination, Informationsverarbeitung oder Regulation von Emotionen betreffen.

Neurodivergenz ist keine eigenständige medizinische Diagnose. Es handelt sich um einen übergeordneten, nicht medizinisch fest definierten Begriff.

Ein Mensch kann beispielsweise autistisch sein, ADHS haben oder sowohl autistisch sein als auch ADHS haben. Diese unterschiedlichen Ausprägungen können unter dem Begriff Neurodivergenz zusammengefasst werden.

Wichtig ist: Neurodivergente Menschen bilden keine einheitliche Gruppe. Ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse, Herausforderungen und Lebensumstände können sich erheblich unterscheiden.

Neurodivergenz und Neurodiversität – Wo liegt der Unterschied?

Die beiden Begriffe werden häufig gleichbedeutend verwendet. Tatsächlich beschreiben sie unterschiedliche Dinge.

Neurodiversität

Neurodiversität bezeichnet die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und neurologischer Funktionsweisen.

Jede Gruppe von Menschen ist neurodivers, weil Menschen unterschiedlich denken, lernen, fühlen und Informationen verarbeiten.

Neurodiversität umfasst somit sowohl neurotypische als auch neurodivergente Menschen.

Neurodivergenz

Neurodivergenz beschreibt dagegen eine neurologische Funktionsweise, die von gesellschaftlich erwarteten oder statistisch häufigen Mustern abweicht.

Ein einzelner Mensch kann neurodivergent sein. Eine Gruppe von Menschen kann neurodivers sein.

Neurotypisch

Als neurotypisch werden Menschen bezeichnet, deren neurologische Entwicklung und Verarbeitung weitgehend den gesellschaftlich erwarteten Mustern entsprechen.

Auch neurotypische Menschen unterscheiden sich selbstverständlich in ihrer Persönlichkeit, ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen.

Merksatz: Neurodiversität beschreibt die Vielfalt aller Gehirne. Neurodivergenz beschreibt neurologische Unterschiede, die von üblichen Erwartungen abweichen.

Welche Formen von Neurodivergenz gibt es?

Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff. Welche neurologischen Besonderheiten darunter eingeordnet werden, hängt teilweise vom verwendeten Begriffsverständnis ab.

Zu den häufig genannten Beispielen gehören:

1. Autismus

Autismus ist eine neurologische Entwicklungsbesonderheit, die unter anderem die Wahrnehmung, Kommunikation, soziale Interaktion und Verarbeitung von Informationen beeinflusst.

Autistische Menschen können beispielsweise:

  • Sinneseindrücke besonders intensiv oder vermindert wahrnehmen.

  • Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Struktur haben.

  • Schwierigkeiten mit unausgesprochenen sozialen Regeln erleben.

  • Intensive und spezifische Interessen entwickeln.

  • Wiederholende Bewegungen oder Handlungen zur Selbstregulation nutzen.

  • Durch soziale Anforderungen oder sensorische Belastungen schneller erschöpfen.

Autismus ist ein Spektrum. Das bedeutet nicht, dass manche Menschen einfach „ein bisschen autistisch“ sind. Vielmehr können einzelne Merkmale, Fähigkeiten und Unterstützungsbedürfnisse sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Ein autistisches Kind kann beispielsweise sprachlich sehr gewandt sein und dennoch erhebliche Schwierigkeiten haben, seinen Alltag zu bewältigen.

2. ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

ADHS betrifft insbesondere die Regulation von Aufmerksamkeit, Aktivität, Impulsen und sogenannten exekutiven Funktionen.

Menschen mit ADHS können beispielsweise Schwierigkeiten haben, Aufgaben zu beginnen, Prioritäten zu setzen, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu steuern oder Handlungen zu organisieren.

Gleichzeitig können sie sich unter bestimmten Bedingungen sehr intensiv mit interessanten Tätigkeiten beschäftigen.

Typische Merkmale können sein:

  • Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeitssteuerung.

  • Innere oder äußere Unruhe.

  • Impulsives Verhalten.

  • Probleme mit Planung und Organisation.

  • Schwierigkeiten bei der Regulation von Emotionen.

  • Ein stark schwankendes Aktivierungsniveau.

ADHS bedeutet nicht, dass ein Mensch grundsätzlich unaufmerksam ist oder sich nicht konzentrieren kann. Vielmehr funktioniert die Steuerung der Aufmerksamkeit anders.

3. AuDHS – Autismus und ADHS gemeinsam

AuDHS ist eine gebräuchliche, aber keine eigenständige medizinische Diagnose. Der Begriff beschreibt Menschen, bei denen sowohl Autismus als auch ADHS vorliegen.

Beide neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten können sich gegenseitig beeinflussen.

Ein Mensch kann beispielsweise gleichzeitig ein starkes Bedürfnis nach festen Routinen haben und Schwierigkeiten erleben, diese Routinen einzuhalten.

Auch das Bedürfnis nach neuen Reizen kann mit dem Wunsch nach Vorhersehbarkeit in Konflikt geraten.

Diese Kombination kann den Alltag besonders widersprüchlich und anstrengend machen.

4. Legasthenie und Dyskalkulie

Auch umschriebene Lernschwierigkeiten werden häufig im Zusammenhang mit Neurodivergenz genannt.

Legasthenie beziehungsweise Lese-Rechtschreibstörung betrifft die Verarbeitung geschriebener Sprache. Betroffene können Schwierigkeiten beim Lesen, Erkennen von Wörtern oder Schreiben haben.

Dyskalkulie beziehungsweise Rechenstörung betrifft die Verarbeitung von Zahlen, Mengen und mathematischen Zusammenhängen.

Diese Schwierigkeiten sagen nichts über die allgemeine Intelligenz eines Menschen aus.

Kinder mit entsprechenden Lernschwierigkeiten benötigen häufig angepasste Lernmethoden und gegebenenfalls einen Nachteilsausgleich.

5. Dyspraxie beziehungsweise Entwicklungsstörung der motorischen Koordination (DCD)

Dyspraxie wird häufig im Zusammenhang mit Schwierigkeiten bei der Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen beschrieben.

Bei einer Entwicklungsstörung der motorischen Koordination können beispielsweise folgende Bereiche betroffen sein:

  • Feinmotorische Tätigkeiten wie Schreiben oder Knöpfe schließen.

  • Bewegungsabläufe beim Sport.

  • Koordination und Gleichgewicht.

  • Das Erlernen neuer motorischer Fertigkeiten.

  • Die Organisation mehrschrittiger Bewegungsabläufe.

Was von außen wie Ungeschicklichkeit aussieht, kann für betroffene Kinder erhebliche Anstrengung bedeuten.

6. Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die durch motorische und vokale Tics gekennzeichnet ist.

Tics sind plötzlich auftretende, wiederholte Bewegungen oder Lautäußerungen, die nur eingeschränkt willentlich kontrolliert werden können.

Betroffene können Tics manchmal für eine gewisse Zeit unterdrücken. Dies kann jedoch anstrengend sein und zu einem verstärkten inneren Drang führen.

Nicht jeder Mensch mit Tourette ruft unwillkürlich Schimpfwörter aus. Dieses bekannte Klischee betrifft nur einen Teil der Betroffenen.

7. Hochsensibilität

Hochsensibilität wird ebenfalls häufig im Zusammenhang mit Neurodivergenz diskutiert.

Der Begriff beschreibt eine besonders ausgeprägte Empfindlichkeit beziehungsweise Verarbeitung von Reizen und emotionalen Eindrücken.

Allerdings ist Hochsensibilität keine eigenständige medizinische Diagnose. Auch ihre Einordnung als Form von Neurodivergenz ist wissenschaftlich und begrifflich nicht einheitlich.

Eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit kann außerdem bei Autismus, ADHS und anderen Konstellationen vorkommen.

Hochsensibilität sollte deshalb nicht mit Autismus oder einer anderen neuroentwicklungsbedingten Besonderheit gleichgesetzt werden.

Neurodivergenz, Behinderung und individuelle Unterstützungsbedürfnisse

Neurodivergente Menschen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, sondern auch darin, wie stark sie im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind.

Für manche Menschen stehen ihre neurologischen Unterschiede vor allem für eine andere Art, die Welt zu erleben. Andere erfahren erhebliche Einschränkungen, die eine umfassende Unterstützung notwendig machen.

Autismus beispielsweise wird medizinisch als neurologische Entwicklungsstörung eingeordnet und kann mit einer Behinderung verbunden sein. Dabei spielen sowohl individuelle Beeinträchtigungen als auch gesellschaftliche und umweltbedingte Barrieren eine Rolle.

Ein autistisches Kind kann in einer ruhigen, vorhersehbaren Umgebung gut zurechtkommen und in einer lauten, unstrukturierten Schulklasse massiv überfordert sein. Gleichzeitig können auch unter günstigen Bedingungen erhebliche Unterstützungsbedürfnisse bestehen.

Neurodivergenz anzuerkennen bedeutet nicht, Einschränkungen zu verharmlosen. Es bedeutet, Unterschiede zu respektieren, Barrieren abzubauen und notwendige Unterstützung selbstverständlich zu ermöglichen.

Wie zeigt sich Neurodivergenz im Alltag?

Neurodivergenz ist nicht immer von außen erkennbar.

Ein Kind kann beispielsweise im Kindergarten oder in der Schule ruhig, angepasst und unauffällig wirken, während es zu Hause völlig erschöpft ist.

Ein anderes Kind reagiert möglicherweise mit Rückzug, Weinen, Bewegungsdrang oder starken emotionalen Reaktionen auf Situationen, die für andere Kinder problemlos erscheinen.

Mögliche Herausforderungen können sein:

  • Reizüberflutung durch Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen.

  • Schwierigkeiten bei spontanen Veränderungen.

  • Probleme beim Wechsel zwischen Tätigkeiten.

  • Erschöpfung durch soziale Anforderungen.

  • Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse rechtzeitig wahrzunehmen.

  • Hoher Energieaufwand für alltägliche Aufgaben.

  • Missverständnisse in der Kommunikation.

  • Schwierigkeiten bei der Selbstregulation.

Dabei sind diese Merkmale weder bei allen neurodivergenten Menschen vorhanden noch ausschließlich auf Neurodivergenz beschränkt.

Entscheidend ist immer die individuelle Situation.

Warum ist ein neurodiversitätsorientierter Blick so wichtig?

Lange Zeit wurden neurologische Unterschiede vor allem danach beurteilt, in welchen Bereichen Menschen von gesellschaftlichen Erwartungen abweichen.

Ein neurodiversitätsorientierter Ansatz erweitert diese Perspektive.

Er fragt nicht ausschließlich:

„Was kann dieser Mensch nicht?“

Sondern auch:

„Welche Bedingungen braucht dieser Mensch, um sich sicher zu fühlen, lernen zu können und am Alltag teilzunehmen?“

Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten zu ignorieren oder auf notwendige Förderung zu verzichten.

Vielmehr sollen Unterstützung und Förderung so gestaltet werden, dass sie die individuellen Bedürfnisse berücksichtigen und die Selbstbestimmung stärken.

Für neurodivergente Kinder kann das beispielsweise bedeuten:

  • Sensorische Belastungen reduzieren.

  • Rückzugsmöglichkeiten schaffen.

  • Veränderungen verständlich ankündigen.

  • Kommunikation individuell anpassen.

  • Selbstregulierendes Verhalten respektieren.

  • Anforderungen flexibel gestalten.

  • Stärken und Interessen einbeziehen.

  • Überforderung frühzeitig erkennen.

  • Unterstützung ohne Beschämung ermöglichen.

Nicht jede Strategie passt zu jedem Kind. Was einem Kind Sicherheit vermittelt, kann für ein anderes unangenehm oder überfordernd sein.

Was bedeutet Neurodivergenz für Eltern?

Für Eltern kann das Wissen über Neurodivergenz eine wichtige Veränderung der Perspektive ermöglichen.

Verhaltensweisen, die zuvor als Trotz, Ungehorsam, Faulheit oder mangelnde Motivation interpretiert wurden, lassen sich möglicherweise besser verstehen.

Ein Kind, das eine Aufgabe nicht beginnt, kann beispielsweise Schwierigkeiten mit der Handlungsplanung haben.

Ein Kind, das bei einer Planänderung verzweifelt, kann durch den Verlust von Vorhersehbarkeit überfordert sein.

Und ein Kind, das sich nach einem anstrengenden Schultag zurückzieht, benötigt möglicherweise zunächst Ruhe und Regulation statt weiterer Anforderungen.

Das bedeutet nicht, dass jedes schwierige Verhalten automatisch durch Neurodivergenz erklärt werden kann.

Es bedeutet jedoch, dass wir genauer hinschauen sollten, bevor wir Verhalten bewerten.

Die entscheidende Frage lautet häufig nicht: „Warum will mein Kind nicht?“, sondern: „Was macht diese Situation für mein Kind gerade so schwierig?“

Neurodivergenz bedeutet nicht, dass alle Unterschiede nur Stärken sind

In sozialen Medien wird Neurodivergenz manchmal ausschließlich mit besonderen Begabungen, Kreativität oder außergewöhnlichen Fähigkeiten verbunden.

Diese positive Perspektive kann wertvoll sein, greift jedoch zu kurz.

Neurodivergente Menschen können besondere Stärken besitzen. Gleichzeitig können sie erhebliche Schwierigkeiten erleben, die Unterstützung, Therapie, Hilfsmittel oder umfassende Assistenz erforderlich machen.

Nicht jeder autistische Mensch verfügt über außergewöhnliche Spezialbegabungen.

Nicht jeder Mensch mit ADHS ist besonders kreativ.

Und nicht jede neurologische Besonderheit muss als Vorteil empfunden werden.

Ein respektvoller Umgang bedeutet deshalb, die individuellen Erfahrungen ernst zu nehmen – einschließlich der belastenden Aspekte.

Fazit: Neurodivergenz verstehen heißt, Vielfalt anzuerkennen

Neurodivergenz erinnert uns daran, dass es nicht nur eine richtige Art gibt, zu denken, zu lernen, zu kommunizieren oder die Welt wahrzunehmen.

Menschen unterscheiden sich in ihrer neurologischen Entwicklung und Verarbeitung. Diese Unterschiede können mit Stärken, Herausforderungen und sehr unterschiedlichen Unterstützungsbedürfnissen verbunden sein.

Für Eltern, Angehörige, pädagogische Fachkräfte und andere Bezugspersonen bedeutet das vor allem eines:

Nicht vorschnell bewerten, sondern verstehen. Nicht ausschließlich Anpassung verlangen, sondern passende Bedingungen schaffen.

Denn jedes Kind verdient eine Umgebung, in der seine Bedürfnisse ernst genommen werden und es sich möglichst sicher und angenommen fühlen kann.