Autismus/PDA Wörterbuch: Wichtige Fachbegriffe

Grundlagen des Autismus (ASS)

Diese Begriffe erklären das allgemeine neurologische Fundament.

Neurodiversität Neurodiversität ist die Erkenntnis, dass biologische Unterschiede im Gehirn (wie Autismus oder ADHS) keine "Fehler" sind, sondern eine natürliche Variation der menschlichen Spezies – vergleichbar mit der biologischen Artenvielfalt.

Neurotypisch bezeichnet Menschen, deren neurologische Entwicklung dem gesellschaftlichen Standard entspricht. Das Konzept der Neurodiversität nimmt den Fokus weg von der "Heilung" und lenkt ihn hin zur "Akzeptanz und Anpassung der Umwelt".

Autismus-Spektrum-Störung (ASS) & Klassifikationssysteme (DSM-5 / ICD-11) Autismus ist eine lebenslange neurologische Entwicklungsbesonderheit. Der Begriff "Spektrum" verdeutlicht, dass die Ausprägungen so individuell sind wie ein Fingerabdruck. Die medizinischen Handbücher DSM-5 und ICD-11 haben ältere Begriffe (wie Kanner oder Asperger) weitgehend durch die Diagnose ASS ersetzt, um zu zeigen, dass die Übergänge fließend sind.

Theory of Mind (ToM) & Double Empathy ProblemTheory of Mind bezeichnet die Fähigkeit, zu verstehen, dass andere Menschen andere Gedanken, Gefühle oder Absichten haben könnten als man selbst. Lange hieß es, Autisten fehle diese Fähigkeit. Das Double Empathy Problem (von Dr. Damian Milton) erklärt es moderner: Es ist ein gegenseitiges Kommunikationsproblem. Neurotypische Menschen haben oft genauso große Schwierigkeiten, die Perspektive autistischer Menschen zu verstehen, wie umgekehrt. Es ist ein "Verständnisbruch" auf beiden Seiten.

Masking: Masking ist das unbewusste oder bewusste Tarnen autistischer Züge (z. B. Augenkontakt erzwingen, Skripte für Gespräche auswendig lernen). Das Kind wirkt nach außen "funktional", zahlt aber einen extremen Preis. 

Das Autistische Burnout: 

Ein autistisches Burnout ist ein Zustand existenzieller Erschöpfung, der entsteht, wenn die langfristige Belastung durch das Leben in einer nicht-autistischen Welt die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems dauerhaft überschreitet. Im Kern ist es die Folge von chronischem Masking, also dem ständigen Versuch, autistische Wesenszüge zu unterdrücken, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Diese permanente Tarnung verbraucht enorme kognitive und emotionale Ressourcen, bis die innere Energiequelle schließlich vollständig versiegt ist.

Das markanteste und oft erschreckendste Merkmal dieses Zustands ist der massive Verlust bereits erworbener Fähigkeiten, der auch als Skill Loss bezeichnet wird. Plötzlich fallen alltägliche Handlungen wie das Anziehen, das Zubereiten einer Mahlzeit oder die verbale Kommunikation unendlich schwer oder werden unmöglich. Das Gehirn schaltet in einen radikalen Sparmodus, um das Überleben des Gesamtsystems zu sichern. Gleichzeitig nimmt die Reizempfindlichkeit extrem zu, sodass Geräusche, Licht oder Berührungen, die zuvor noch toleriert werden konnten, nun sofortige Schmerzreaktionen oder einen völligen Rückzug auslösen.

Ein autistisches Burnout wird oft fälschlicherweise mit einer Depression verwechselt, unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt: Während bei einer Depression oft das Interesse an Dingen verloren geht, ist beim Burnout das Interesse an den eigenen Spezialgebieten meist noch vorhanden, aber die physische und neuronale Kraft zur Umsetzung fehlt komplett. Es ist ein „technischer“ Zusammenbruch der Handlungsfähigkeit, keine rein psychische Verstimmung.

Die Heilung aus diesem Zustand erfordert eine radikale Umkehr des bisherigen Lebensstils. Es geht nicht darum, noch „funktionaler“ zu werden, sondern den Druck von außen konsequent zu senken. Das Nervensystem benötigt eine Umgebung, die absolute Sicherheit und sensorische Ruhe bietet. Erst wenn die Anforderungen – seien es schulische, berufliche oder soziale Erwartungen – für einen längeren Zeitraum minimiert werden, kann das Gehirn beginnen, sich langsam wieder zu regulieren. In der systemischen Beratung ist dieses Verständnis entscheidend, um zu vermitteln, dass der Rückzug eines Kindes oder Erwachsenen kein böser Wille ist, sondern eine lebensnotwendige Notbremse eines völlig überlasteten Systems.

Stimming: Stimming (Self-stimulatory behavior) sind rhythmische Bewegungen oder Geräusche (Hände flattern, Schaukeln, Summen), die der Selbstregulation dienen. Es hilft, Stress abzubauen oder Unterstimulation auszugleichen.

Echolalie ist das Wiederholen von Wörtern oder Sätzen (oft aus Filmen oder von Bezugspersonen). Für viele Autisten ist das ein wichtiger Weg, um Sprache zu verarbeiten oder Kontakt aufzunehmen, auch wenn der Sinn für Außenstehende nicht sofort klar ist.

Sensorische Wahrnehmung & Reizüberflutung: 

Die sensorische Wahrnehmung bei autistischen Menschen unterscheidet sich grundlegend durch die Art und Weise, wie das Gehirn Reize aus der Umwelt filtert und verarbeitet. Während ein neurotypisches Gehirn in der Lage ist, Hintergrundgeräusche, das Summen eines Kühlschranks oder das Gefühl von Kleidung auf der Haut weitgehend auszublenden, gelangen diese Informationen bei Autisten oft ungefiltert in das Bewusstsein. Diese Besonderheit wird als Hyper-Sensitivität bezeichnet, wenn Reize wie helles Licht, bestimmte Gerüche oder Geräusche als extrem intensiv oder sogar schmerzhaft wahrgenommen werden. Im Gegensatz dazu steht die Hypo-Sensitivität, bei der Reize nur vermindert ankommen, was dazu führen kann, dass Betroffene Kälte, Hunger oder Schmerz erst sehr spät bemerken oder ein starkes Bedürfnis nach intensiven Sinneseindrücken haben, um sich selbst zu spüren.

Wenn zu viele dieser ungefilterten Reize gleichzeitig auf das System einwirken, entsteht eine Reizüberflutung, der sogenannte Sensory Overload. In diesem Zustand ist das Gehirn nicht mehr in der Lage, Informationen sinnvoll zu sortieren, was zu einem massiven Stressanstieg führt. Für Außenstehende ist dieser Prozess oft unsichtbar, da er sich im Inneren abspielt, bis das Fass schließlich überläuft. Besonders im PDA-Profil ist die sensorische Belastung ein kritischer Faktor, da ein bereits durch Reize gestresstes Nervensystem wesentlich empfindlicher auf Anforderungen von außen reagiert. Ein Kind, das sich in einem Zustand beginnender Reizüberflutung befindet, hat kaum noch Kapazitäten frei, um flexibel auf soziale Erwartungen zu reagieren, was die Wahrscheinlichkeit für Vermeidung oder Meltdowns drastisch erhöht.

Das Verständnis für diese sensorischen Unterschiede ist ein Grundpfeiler der systemischen Unterstützung. Es geht nicht darum, das Kind abzuhärten, sondern die Umgebung so anzupassen, dass die sensorische Last minimiert wird. Wenn wir die Welt durch die Brille der sensorischen Wahrnehmung betrachten, wird deutlich, dass viele Verhaltensweisen, die als schwierig oder verweigernd missverstanden werden, in Wahrheit notwendige Schutzreaktionen auf eine physisch überwältigende Umwelt sind. In der Beratung hilft dieser Fokus dabei, den Alltag so zu gestalten, dass das Nervensystem wieder in einen Bereich der Sicherheit zurückfinden kann, was die Basis für jede weitere Entwicklung und Entlastung innerhalb der Familie bildet.

Meltdown & Shutdown: Ein Meltdown ist keine Entscheidung und erst recht kein willentlicher Wutanfall oder ein Erziehungsfehler, sondern ein totaler Kontrollverlust des Nervensystems infolge einer massiven Überforderung. Wenn das Gehirn durch Reizüberflutung, soziale Anforderungen oder den Verlust von Autonomie so stark unter Druck gerät, dass die körpereigenen Regulationsmechanismen versagen, schaltet es in den primitiven Überlebensmodus. In dieser Phase des „Kampfes oder der Flucht“ entlädt sich die angestaute Energie oft explosiv durch Schreien, Um-sich-Schlagen oder Weglaufen. Ein Kind in einem Meltdown ist nicht mehr ansprechbar oder kognitiv zugänglich, da die höheren Hirnregionen vorübergehend abgeschaltet sind. Es ist eine Phase purer existentieller Not, nach der die Betroffenen meist völlig erschöpft sind und oft unter großen Schamgefühlen leiden. Im Gegensatz zur explosiven Entladung des Meltdowns stellt der Shutdown eine nach innen gerichtete Notbremse dar. Man kann ihn sich wie einen energetischen Kurzschluss oder einen inneren Rückzug in eine schützende Starre vorstellen. Das Kind wirkt in diesem Zustand oft abwesend, emotionslos oder wie versteinert und verliert zeitweise die Fähigkeit zu sprechen oder auf Ansprache zu reagieren. Während ein Meltdown nach außen hin laut und fordernd wirkt, ist der Shutdown ein stiller Prozess, bei dem das System alle nicht lebensnotwendigen Funktionen herunterfährt, um sich vor weiterem Schaden durch äußere Einflüsse zu schützen. In beiden Fällen ist das Ziel des Nervensystems dasselbe: Den Organismus vor einer totalen Überlastung zu bewahren, wenn keine anderen Bewältigungsstrategien mehr greifen. Besonders im Kontext von PDA ist es entscheidend zu verstehen, dass Meltdowns oft dann auftreten, wenn die grundlegende Autonomie des Kindes massiv bedroht wird. Jede weitere Forderung in einem bereits hochgereizten Zustand kann den Funken am Pulverfass darstellen. Die systemische Perspektive hilft hier dabei, nicht das Verhalten an der Oberfläche zu bewerten, sondern die vorausgegangene Stresskurve zu analysieren. Anstatt das Kind für den Kontrollverlust zu maßregeln, liegt der Fokus darauf, die Auslöser zu identifizieren und das Umfeld so sicher zu gestalten, dass das Nervensystem gar nicht erst in diese extremen Grenzbereiche getrieben wird. Wahre Entlastung für die Familie beginnt dort, wo Meltdown und Shutdown als Hilferuf eines überlasteten Systems erkannt und mit Sicherheit statt mit Druck beantwortet werden. 

Exekutive Funktionen & InertiaExekutive Funktionen sind wie der "Manager" im Kopf (Planen, Priorisieren, Starten von Aufgaben). Bei Autismus ist dieser Bereich oft beeinträchtigt. Inertia (Autistische Trägheit) beschreibt die Schwierigkeit, einen Zustand zu verändern: Es fällt extrem schwer, mit einer Sache anzufangen, aber genauso schwer, damit aufzuhören. Übergänge (Transitionen) sind daher die größten Energiefresser im Alltag.

Rejection Sensitivity Dysphoria (RSD): RSD ist eine extreme emotionale Reaktion auf reale oder vermeintliche Ablehnung, Kritik oder das Gefühl, versagt zu haben. Bei PDA-Kindern führt RSD oft dazu, dass ein kleiner Hinweis ("Zieh bitte die Schuhe an") als vernichtende Kritik empfunden wird, was sofort eine heftige Abwehrreaktion auslöst.

Body Doubling: Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie: Die bloße Anwesenheit einer anderen Person im Raum hilft dem neurodivergenten Gehirn, bei einer Aufgabe zu bleiben oder diese überhaupt zu starten. Die andere Person muss nicht helfen, sie ist einfach nur "da" (ein "Körper-Doppel").

Das PDA-Profil (Spezialisierung)

Diese Begriffe definieren die Besonderheiten des PDA-Nervensystems.

PDA-Profil

Das PDA-Profil beschreibt eine spezifische Ausprägung innerhalb des Autismus-Spektrums, die durch ein extremes Bedürfnis nach Autonomie gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zu anderen autistischen Profilen steht hier nicht primär die soziale Kommunikation im Vordergrund, sondern die neurologische Unfähigkeit, Anforderungen von außen zu verarbeiten, wenn diese das Gefühl von Selbstbestimmung bedrohen. Es handelt sich um eine tief verwurzelte Wesensart, die das gesamte Erleben und Handeln des betroffenen Menschen prägt.

Pathologische Nachfragevermeidung

Hinter der oft missverständlichen Übersetzung als pathologische Nachfragevermeidung verbirgt sich ein automatischer, zwanghafter Schutzmechanismus des Gehirns. Das Wort „pathologisch“ deutet hierbei darauf hin, dass die Vermeidung ein Ausmaß annimmt, das den Alltag massiv einschränkt und vom Kind selbst nicht mehr willentlich gesteuert werden kann. Es ist keine bewusste Entscheidung gegen eine Aufgabe, sondern eine instinktive Reaktion auf einen wahrgenommenen Druck, der als unerträglich empfunden wird.

Angstbasierte Reaktion

Jedes Verhalten, das bei PDA wie Trotz, Aggression oder Manipulation wirkt, ist im Kern eine angstbasierte Reaktion. Das Nervensystem des Kindes stuft alltägliche Erwartungen als existenzielle Bedrohung ein. In diesem Moment übernimmt das Stammhirn die Kontrolle und aktiviert Überlebensstrategien wie Kampf, Flucht oder Erstarrung. Da die Ursache Angst und nicht Ungehorsam ist, führen klassische Erziehungsmaßnahmen oder Konsequenzen hier meist zu einer Verschlimmerung der Situation.

Kampf, Flucht oder Erstarrung (Fight, Flight, Freeze)

Hinter diesen Begriffen verbergen sich die drei instinktiven Überlebensstrategien des Nervensystems, die aktiviert werden, wenn das Gehirn eine Situation als lebensbedrohlich einstuft. Bei PDA-Profilen löst bereits ein empfundener Kontrollverlust oder eine zu hohe Anforderung diesen Modus aus. Im Kampf-Modus reagiert das Kind mit Aggression, Schreien oder körperlichem Widerstand, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Im Flucht-Modus versucht es, der Situation physisch oder mental zu entkommen, etwa durch Weglaufen oder extremes Ablenken. Die Erstarrung ist die letzte Instanz, in der das Kind innerlich abschaltet, verstummt oder körperlich wie gelähmt wirkt. Da diese Reaktionen vom Stammhirn gesteuert werden, sind sie in diesem Moment nicht durch logische Argumente oder Erziehung beeinflussbar.

Demand (Anforderung)

Ein Demand oder eine Anforderung umfasst im PDA-Kontext weit mehr als nur direkte Befehle. Es ist jede Form von Erwartung, die das Gehirn als Kontrollverlust interpretiert. Dazu gehören explizite Aufforderungen wie „Putz dir die Zähne“, aber auch implizite Anforderungen wie soziale Normen, Zeitpläne oder sogar die Erwartung Spaß an einem Hobby zu haben. Sobald eine Tätigkeit als „Muss“ wahrgenommen wird, löst sie den Vermeidungsmechanismus aus.

Versteckte Anforderungen

Versteckte Anforderungen sind indirekte Erwartungen, die oft gar nicht ausgesprochen werden, aber dennoch massiven Stress auslösen. Das kann die bloße Anwesenheit einer Autoritätsperson sein, die Struktur eines Klassenzimmers oder das Wissen um einen bevorstehenden Termin. Auch Lob kann als versteckte Anforderung wirken, da es die Erwartung schürt, diese Leistung in Zukunft wiederholen zu müssen, was den Druck auf das Kind erhöht.

Soziale Taktiken

Um den massiven Stress durch Anforderungen zu bewältigen, nutzen PDA-Kinder oft hochkomplexe soziale Taktiken. Diese dienen dazu, die Kontrolle über eine Situation zu behalten, ohne in eine offene Konfrontation gehen zu müssen. Beispiele hierfür sind das Ablenken durch Witze, das Verhandeln über Bedingungen, das Vertagen von Aufgaben auf „später“ oder das Abtauchen in ein Rollenspiel, in dem die Anforderung für die gespielte Figur nicht gilt.

Oberflächliche Soziabilität

Die oberflächliche Soziabilität beschreibt die Fähigkeit vieler PDA-Kinder, in sozialen Situationen zunächst sehr kompetent, charmant oder angepasst zu wirken. Diese Kinder können oft gut maskieren und verstehen soziale Regeln theoretisch sehr genau. Diese Fassade führt jedoch häufig dazu, dass ihre eigentliche autistische Not und die enorme Anstrengung dahinter von Außenstehenden, wie etwa Lehrkräften, völlig übersehen werden.

Controlling the Controller

Wenn ein Kind versucht, sein Umfeld und seine Bezugspersonen extrem zu dominieren, bezeichnen wir dies als Controlling the Controller. Das Kind schreibt den Eltern vor, was sie sagen, wie sie sitzen oder wohin sie schauen dürfen. Dieses Verhalten entspringt nicht dem Wunsch nach Macht, sondern ist ein verzweifelter Versuch der Angstreduktion. Nur wenn das Kind die absolute Kontrolle über alle Variablen in seiner Umgebung hat, fühlt sich sein Nervensystem sicher.

PDA-spezifischer Meltdown

Ein PDA-spezifischer Meltdown ist eine hochemotionale Eskalation, die fast immer durch eine akute Bedrohung der Autonomie ausgelöst wird. Er unterscheidet sich von einem sensorischen Meltdown dadurch, dass er oft als Reaktion auf eine Grenze oder eine Forderung auftritt, die das Kind in die Enge treibt. Es ist der Punkt, an dem die sozialen Taktiken nicht mehr ausreichen und das Nervensystem in den vollkommenen Überlastungsmodus umschaltet.

Autonomie-Angst

Die Autonomie-Angst ist das Herzstück von PDA. Das Gehirn wertet den Verlust von Selbstbestimmung als lebensgefährlich. Sobald eine Person von außen versucht, die Handlungen des Kindes zu steuern, reagiert das Nervensystem mit Panik. Diese Angst ist so stark, dass sie sogar die eigenen Wünsche des Kindes überschreiben kann – es kann dann Dinge nicht tun, die es eigentlich gerne tun möchte, nur weil es sich dazu verpflichtet fühlt.

Internalisierte PDA

Bei der internalisierten PDA richtet sich der Widerstand gegen Anforderungen nicht nach außen, sondern nach innen. Diese Kinder fallen seltener durch Wutausbrüche auf, sondern reagieren mit leisem Rückzug, körperlicher Erstarrung oder dem Abtauchen in Fantasiewelten. Sie maskieren oft so perfekt, dass ihr Leidensdruck erst bemerkt wird, wenn sie bereits tief in einem Burnout stecken oder die Schule überhaupt nicht mehr besuchen können.

Schulvermeidung: 

Im Gegensatz zum klassischen „Schulschwänzen“ ist Schulvermeidung bei PDA kein Zeichen von Unlust oder mangelnder Disziplin. Es handelt sich um eine angstbasierte Stressreaktion des Nervensystems. Wenn die Anforderungen des Schulsystems (starre Hierarchien, sensorische Überreizung, ständiger Kontrollverlust) die Kapazität des Kindes übersteigen, schaltet das Gehirn in den Überlebensmodus (Kampf, Flucht oder Erstarrung). Schulvermeidung ist oft das letzte Warnsignal eines drohenden Nervensystem-Burnouts.

Strategien & Management

Praktische Ansätze für den Alltag mit PDA.

Low Arousal Ansatz

Der Low Arousal Ansatz ist eine Strategie zur Stressreduktion, bei der es darum geht, die emotionale Erregung in einer Situation bewusst niedrig zu halten. Statt auf herausforderndes Verhalten mit Konsequenzen oder erhöhter Lautstärke zu reagieren, begegnen Bezugspersonen dem Kind mit Ruhe, Gelassenheit und Zurückhaltung. Ziel ist es, eine reizarme Umgebung zu schaffen und die eigene Körpersprache sowie Kommunikation so anzupassen, dass das Nervensystem des Kindes nicht zusätzlich getriggert wird. Dies schafft die notwendige Sicherheit, damit Deeskalation überhaupt erst möglich wird.

Equalizing (Egalisieren)

Equalizing beschreibt das gezielte Abbauen von Hierarchien in der Interaktion mit einem PDA-Kind. Da jede Form von Machtgefälle – also das klassische „Ich bestimme, du folgst“ – vom Gehirn des Kindes als Bedrohung der Autonomie gewertet wird, setzt Equalizing auf eine Kommunikation auf Augenhöhe. Dabei werden Anforderungen in gemeinsame Projekte oder spielerische Kooperationen umgewandelt. Indem die Kontrolle geteilt wird, sinkt das Angstlevel des Kindes, wodurch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit wächst, ohne dass es sich unterlegen fühlen muss.

PANDA-Ansatz

Der PANDA-Ansatz ist ein spezialisiertes Modell für den Umgang mit dem PDA-Profil, das auf fünf Grundpfeilern basiert. Er steht für: P-ick your battles (Prioritäten setzen), A-nxiety management (Angstreduktion priorisieren), N-egotiation (gemeinsame Lösungen verhandeln), D-isguise demands (Anforderungen indirekt formulieren) und A-daptation (die Umgebung flexibel anpassen). Dieser Ansatz rückt die Beziehungsarbeit und das Sicherheitsgefühl des Kindes in den Mittelpunkt und bietet einen praktischen Leitfaden, um den Alltag weg von Druck und hin zu mehr Leichtigkeit zu führen.

Systemische Perspektiven für Familien

Dieser Bereich erklärt, wie wir in der Beratung gemeinsam auf Deine Familiendynamik blicken.

  • Zirkularität: Das Verständnis, dass das Verhalten des Kindes und die Reaktion der Umwelt (Eltern, Schule) sich gegenseitig beeinflussen. Es geht nicht um die Frage „Wer ist schuld?“, sondern darum, wie wir ungünstige Teufelskreise unterbrechen und neue, hilfreiche Wechselwirkungen schaffen können.

  • Ressourcenorientierung: In der Krisenzeit sehen wir oft nur noch die Defizite. Die systemische Sichtweise lenkt den Fokus zurück auf das, was bereits gut funktioniert und welche verborgenen Stärken Dein Kind und Du als Eltern mitbringt.

  • Selbstwirksamkeit: Das Ziel meiner Beratung ist es, Dich aus der Ohnmacht und Hilflosigkeit herauszuführen. Du sollst wieder das Gefühl bekommen, aktiv und positiv Einfluss auf Dein Familienleben nehmen zu können – auch mit PDA im Gepäck.

  • Allparteilichkeit: In der Beratung nehme ich eine neutrale, wertschätzende Haltung gegenüber allen Familienmitgliedern ein. Jedes Verhalten hat einen guten Grund (Sinn), den wir gemeinsam entschlüsseln.